Freienwalde

Uchtenhagensagen

In der Freienwalder Gegend weiß man noch viel vom altem Uchtenhagen. Dem hat einst das ganze Land gehört, Freienwalde sowohl als auch die Insel Neuenhagen. Wie er aber zu dem Land gekommen, davon erzählen alte Schriften folgendes:

Es war einmal, heißt es, ein gar kriegerischer Ritter namens von Hagen, der lag im Kampfe mit einem von Jagow. Nun hatte aber der Kurfürst geboten, daß aller Streit rechtlich beigelegt werden solle, und gegen die Übertreter dieser Verordnung harte Strafen ausgesprochen. Als er nun erfuhr, daß der von Hagen der Anstifter dieses Streites sei, erklärte er ihn in die Acht und beraubte ihn all seiner Habe. Nun irrte dieser unstet umher, indem er sich von Räubereien ernährte, die er besonders in der Gegend von Fr eienwalde, wo er seine Höhle hatte, ausübte. Nicht lange nach dieser Zeit aber traf sich's, daß der Kurfürst in einen Krieg verwickelt wurde, in welchem es auf dem sogenannten roten Felde, in der Gegend der Sonnenburger Heide, zu einer blutigen Schlacht ka m, woher das Feld dann auch das rote genannt wurde. Das Heer des Kurfürsten geriet in große Bedrängnis, als plötzlich der von Hagen in schwarzer Rüstung und mit herabgelassenem Visier aus einem Dickicht mit einem Häuflein treuer Knechte hervorbrach, den Fe inden in den Rücken fiel und sie in solche Verwirrung brachte, daß der Kurfürst den Sieg erfocht. Als alles vorüber war, ließ dieser deshalb den schwarzen Ritter zu sich kommen, dankte ihm für seine Hilfe und fragte nach seinem Namen. Hagen verweigerte sic h jedoch ihn zu nennen, indem er sagte, der tue nichts zur Sache. Da drang auch der Kurfürst, der wohl ahnen mochte, wer er sei, nicht weiter in ihn und sagte: Damit du aber siehst, daß ich erkenntlich bin, so soll, was du mit deinem Rappen von Anfang bis zum Niedergang der Sonne umreiten kannst, dein sein, und weil du aus dem Hagen (Busch) uns zur Hilfe kamst, so sollst du forthin der Ritter "Ut dem Hagen" heißen! So soll der Name entstanden sein, nur daß man allmählich Uchtenhagen daraus gemacht hat. Am f olgenden Morgen setzte sich nun Uchtenhagen mit Sonnenaufgang auf dem Schloßberge bei Freienwalde zu Pferde und ritt in Begleitung einiger Gefährten weit herum um Freienwalde bis nahe Wriezen heran, ritt, da es Sommer war, durch die seichte Oder und kam du rch das Niederoderbruch hindurch gegen Abend nach Neuenhagen, welches etwa eine halbe Meile von Freienwalde entfernt liegt. Hier traf er auch dem Felde einen Schäfer an, den er fragte: Schäfer, was ist's an der Zeit? worauf ihm dieser antwortete: Nun, die Sonne geht zur Rüste! Sogleich zog der Uchtenhagen sein Schwert, schlug dem Schäfer den Kopf ab und steckte neben dem Leichnam mit Hilfe seiner Gefährten einen großen Pfahl auf, zum Zeichen, daß er biss hierher auf seinem Ritt gekommen. Und diesen Pfahl be wahrte man noch lange auf dem Amte Neuenhagen auf. Nun baute er sich auf dem Schloßberg zwischen Freienwalde und Falkenberg eine Burg (Burg Malchow), aus der eine Menge unterirdischer Gänge führten, damit, wenn er in Bedrängnis geriete, er einen sicheren A usweg habe; denn die Zahl seiner Feinde, die zuvor schon groß war, wurde durch die ihm unerwartet zuteil gewordene Gnade des Kurfürsten nur vermehrt. Als nun Uchtenhagen alt wurde, übernahm sein ältester Sohn, der einzige, der ihm von mehreren übriggeblieb en war, die Verwaltung seiner Besitzungen. Allein auch dieser starb bald darauf und hinterließ nur einen einzigen Knaben. So waren nun der alte Uchtenhagen und sein Enkel allein von dem ganzen Geschlecht übrig, und seine Feinde suchten ihm auf mancherlei Weise anzukommen, aber sein Schloß war zu fest, da konnten sie ihm nichts anhaben, deswegen drangen sie dann in seinen Knecht, der mußte beide vergiften. Der Alte fiel auch bald als ihr Opfer, und da war der Knabe noch übrig; dem ward eines Tages eine Birn e gereicht, die er war vergiftet. Nun hatte ein einen Hund, den er gar sehr liebte, und mit dem er all seine Speisen teilte, dem warf er ein Stück der Birne zu, und beide starben zugleich. Dieser Augenblick, wie der Knabe die Birne in der Hand hält und der Hund liebkosend an ihm heraufspringt, ist auf einem Gemälde dargestellt, das sich noch jetzt in der Freienwalder Kirche über dem Altar befindet. Es trägt auch eine auf diese Begebenheit bezügliche Inschrift, aus der man ersieht, daß der Knabe acht und ein halbes Jahr alt war, als er starb. Der alte Uchtenhagen aber, und sein Enkel ruhen in der Gruft unter dem Altar der Freienwalder Kirche, wo man auch vor Jahren ihre bereits zu Staub zerfallenen Leichen in den Särgen gefunden hat. Auf den alten Uchtenhagen kommt auch sonst noch oft die Rede. Er hat, wie man so sagt, mehr können, als Brot essen. Namentlich kam ihm keiner im Fahren gleich, so schnell fuhr er, und er fuhr auch da, wo kein anderes Menschenkind es konnte. So lag, wo der Weg sich vom Freienwalder Brunnen in die Berge hinaufzieht, rechts eine Schlucht, die ist jetzt zugefallen, da ist Uchtenhagen oft mit vier Pferden, in die Quer gespannt, durch die Berge hindurch nach Sonnenberg gefahren; es sind aber dreiviertel Meilen in gerader Richtung. So ko nnte er auch durch die Luft fahren. Einmal fuhr er von Freienwalde über Wriezen nach Seelow, da blieb im Dorfe Hardenberg an der Turmspitze die Teerbutte seines Wagens sitzen, die hat noch viele Jahre zum Andenken dort gehangen.

Ritter von Uchtenhagen auf dem "roten Lande"

Die Markgrafen von Brandenburg und der Pommern Herzöge lagen gegen einander in langer Fehde. Einmal sollte bei Freienwalde a.O. der Entscheidungskampf geführt werden. Hie Brandeburg, hie Stettin! so klang es hüben und drüben durch die grimmigen Reiterschar en. Der Markgraf und der Herzog führten selbst ihre Mannen. Der sieg neigte sich schon den Pommern zu, die Männer drängten schon zur Flucht, der Herzog ließ den Siegesruf ertönen, indes der Markgraf immer noch auf Hilfe hoffte. Da kam sie hervor aus des Wa ldes Dickicht; ein schwarzer Reiter war's, ganz in Stahl getan, wild wie der leibhaftige Teufel einstürmend auf die Feinde, daß mit einem Schlage der Sieg sich wandte. Jäher Schreck hatte die Pommern ergriffen, denn sie glaubten, es sei Höllen und Gespenst erspuk, was da hinter ihnen herjagte. Aber die Märker hielten den schwarzen Reiter für den Bringer des Glücks und des Sieges und folgten seinem Befehl und vernichteten das tapfere Pommernheer. Alsbald hat der Markgraf den schwarzen Reitersmann zu sich geru fen und ihm gesagt: Öffne dein Visier, daß ich dich von Angesicht schaue und dir danke! Der Fremde tat's und da erkannte der Markgraf und alle ringsum,daß es der Edle von Jagow war, der damals geächtet im deutschen Reich umherirrte, weil er einen Verwandte n des Markgrafen, der ihn ehrgekränkt, niedergestoßen hatte. Der Markgraf stand eine Weile sinnend und ernst. Dann sagte er: Der heißt nicht Jagow, der solches an uns getan. Jagow ist längst tot. Der heißt fortan Uchtenhagen, und viel Land und Leute sollen sein Eigen werden. Der Markgraf hatte ihm den Namen verliehen, weil der schwarze Ritter plötzlich uht dem Hagen (aus dem Walde) hervorgebrochen war und so die Feinde geschlagen hatte. Auf dem Schlachtfelde erbaute sich Herr von Uchtenhagen seine stolze Bu rg. Aber das Geschlecht starb bald aus, die Burg zerstörte ein Blitz. Das "rote Land" heißt noch heute die Stätte bei Freienwalde, wo einst der heiße Kampf getobt.

"Rotes Land" und Uchtenhagen

Henning von Jagow, klein an Gestalt, aber hoch an Gemüt, nachdem er sich, verdient oder unverdient, die Ungnade des Markgrafen zugezogen hatte, war aus dem Lande verbannt worden. Ein Preis stand auf seinem Kopf. Jagow indessen, unwillig das Land zu verlass en, daran er hing, zog sich bis an die Oder, in die Sumpf und Waldreviere zurück, die damals die Ostgrenze des markgräflichen Besitzes bildeten, also aller Wahrscheinlichkeit nach in die Berge und Brüch der Freienwalder Gegend. Hier lebte er mit anderen Ve rbannten und Ausgestoßenen das Leben des Geächteten, unbekannt, namenlos, aber sicher im Schutz der Wälder. Es war ein Leben voll Kampf und Gefahr, voll Freiheit und Übermut, ähnlich dem, das uns alte Balladen und Volksgesänge als das Leben Robin Hoods, di eses unerreichten Vorbilds poetischen Wald und Räuberlebens, geschildert haben; aber unser Jagow trug doch schwer daran, denn es zog ihn unter die Menschen und in die Nähe des Markgrafen zurück, und seine Seele trachtete mehr und mehr nach einer Gelegenhei t, sich die Gunst seines Herrn, den er liebte, neu zu erwerben. Und diese Gelegenheit bot sich endlich. Es kam zu einem Kriege mit den Pommern, und um Freienwalde herum stießen die Heere des Pommernherzogs und des Markgrafen aufeinander. Man focht Mann geg en Mann, und der Sieg neigte sich schon den Pommern zu, als Jagow aus der Waldestiefe mit seinen Geächteten hervorbrach. Er faßte den Feind im Rücken, und nach tapferer Gegenwehr wandten sich die Pommern zur Flucht, der Oder zu, die jedoch nur wenige errei chten. Die Mehrzahl färbte den Boden mit ihrem Blut. Und die Stelle, wo das Blut floß, heißt bis diesen Tag das "rote Land". Jagow aber, vor den Markgrafen geführt, wurde mit dem Lande belehnt, auf dem er so glücklich gekämpft hatte, und empfing, auf daß s ein Name nicht fürder mehr an alte Zeit und den alten Groll erinnere, den Namen Uchtenhagen, weil er "Uht dem Hagen", das heißt aus dem Walde, zu seiner, des Markgrafen Rettung herbeigekommen war.

Freienwalder Schloßberg

Am Schloßberg zwischen Falkenberg und Freienwalde, da hat der alte Uchtenhagen vor allem gehaust, und wo man noch das Mauerwerk und die alten Keller sehen kann, da geht es spuken. Einst kamen Musikanten in der Nacht von Falkenberg, wo sie gespielt hatten, des Weges. Da sagte einer: Wollen dem alten Uchtenhagen ein Ständchen bringen. Wie sie aber das dritte Lied blasen, da kommt einer heraus und gibt ihnen ein Achtgroschenstück (eine Mark). Einmal, sagte er, sollte es ihnen geschenkt sein; aber sie sollten e s nicht wieder beikommen lassen! Überhaupt ist es am Schloßberg nicht ganz richtig, da gibt es noch allerhand anderen Spuk. So ist zwischen dem Schloßberg und dem nahen Räuberberge eine Schlucht, in der läßt sich eine weiße Frau sehen, die will erlöst sein . Einst hatte es einer unternehmen wollen; er hat sie auch schon auf dem Nacken gehabt und eine Strecke den Berg hinaufgetragen. Da ist es ihm gewesen, als würde ein Baum geschlagen und fiele auf ihn. Die weiße Dame aber hat ihm alles vorhergesagt, wie es kommen würde, und da ist er ruhig weitergegangen. Nun ist aber die Schlucht hinunter ein großer Heuwagen gekommen, und wie er herangewesen, war es ihm, als würde derselbe umschlagen. Da ist er doch aus dem Wege getreten, und sofort ist alles verschwunden g ewesen. Die weiße Frau soll sich aber in verschiedener Gestalt zeigen: manchmal ist sie als ein Bettler, manchmal als kleiner Junge zu den Leuten gekommen. Besonders läßt sie sich zu Johannis um zwölf Uhr sehen; dann liegt auch auf dem Schloßberge ein offe ner Schatz. In der Schlucht ist ein Wasser, das heißt das klingende Fließ, in dem ist eine Glocke versunken, die man zuzeiten noch hört. Einmal war nun ein Schiffer an den Schloßberg herangefahren, damals ging nämlich das Wasser noch so weit, ehe die Cha ussee erbaut wurde, da kam ein großer schwarzer Hund gelaufen und wollte mit in den Kahn. Der Schiffer wollte es anfangs nicht leiden; da hörte er aber die Glocke klingen:

Anne Susanne,
Willst du mit to Wasser oder to Lanne?

und es wurde ihm so Angst, daß er den Hund hineinließ. Der sprang auch in die Ecke vom Kahn und legte sich dort ganz still nieder; nach einem Weilchen sah aber der Schiffer, daß er wieder verschwand wie ein Schatten, und zuletzt war er ganz fort. Das war ihm denn doch zu gruselig, und er machte, daß er bald wieder Heim kam. Aber auch sonst ist es dort, wie gesagt, nicht geheuer. Früher, als die alte Straße dort entlangging, hat sich mancher da festgefahren und sich erst durch ein schweres Donnerwetter de nn ein Fluch, sagen sie ja, kann solchen Zauber vertreiben gelöst. Das kommt aber alles daher, weil der alte Uchtenhagen da sein Wesen treibt!

Brandfichte bei Freienwalde

Infolge eines Prozesses, dessen Akten noch auf dem Rathause zu Freienwalde vorhanden sind, wurde im Jahre 1644 wegen Hexerei die verehelichte Ursula Hensel, geborene Heinrich zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt und anschließend im Jahre 1646 hingeri chtet. Von Folterqualen gepeinigt, hatte sie das ihr zur Last gelegte Verbrechen eingestanden, doch auf dem Wege zum Richtplatz, und zwar auf der Stelle, wo die Brandfichte steht, ergriff sie einen dürren Fichtenzweig, steckte ihn in die Erde und rief: So wahr dieses Zweiglein grün und zum Baume werden wird, so wahr bin ich unschuldig! Dieser Ruf erregte im Volke Aufsehen, man beobachtete den Zweig, und siehe da, im nächsten Frühjahr schlug er zum Staunen aller lebenskräftig aus, wuchs, ward ein Baum, ein h oher mächtiger Baum, an dessen Stelle man, als er einging, einen zweiten setzte, der nun schon wieder zu ansehnlicher Höhe gewachsen ist.

Versunkene Kapelle im Baasee

Als noch unermeßliche Wälder, von Hirschen, Rehen und wilden Ebern bevölkert, die ganze Gegend um Freienwalde bedeckten, wohnte in dieser tiefen Waldeinsamkeit ein armer Köhler, der eine einzige wunderschöne Tochter hatte. Dieser war bei ihrer Geburt von e iner Fee die wunderbare Gabe verliehen, jene geheimnisvollen Wesen, die in den Bäumen und Blumen des Waldes leben, und die man Elfen, Nymphen oder auch Dryaden nennt, schauen zu können. Ja, nicht das allein, sondern die Elfen schlossen Ilse, das Köhlermädc hen, oft in ihren Kreis und spielten mit ihr. Hatten sie sie doch von Herzen lieb, da Ilse nicht nur schön, sondern auch rein und gut war. Denn die Elfen, Gnomen und anderen Waldgeister zeigen sich nur unschuldigen, guten Menschenkindern. Als Ilse etwa sie bzehn Jahre alt war, lernte sie eines Tages auf ihren Spaziergängen einen jungen Ritter kennen, der auf einer Burg in der Nähe von Freienwalde zu Hause war. Die beiden wurden bald vertraulich miteinander, und das schlichte Naturkind schenkte dem fremden, g länzenden Ritter sein reines junges Herz. Bei ihren häufigen Zusammenkünften im Walde nannte der Ritter das arme Köhlermädchen seine süße Braut und schwor ihr, sobald er mündig sein werde, sie zu seinem trauten Ehegemahl zu machen. Einmal, als er ihr dies wieder unter heißen Küssen versichert hatte, sagte Ilse zu ihm: Wenn ihr es wirklich treu und aufrichtig mit mir meint, so bitte ich Euch um eins: Ihr kennt gewiß die kleine Kapelle am Ufer des Sees. Dort verrichte ich jeden Sonntagmorgen mein Gebet. Da he ute gerade auch Sonntag ist, kommt mit mir und wiederholt am Altar beim Gnadenbild der heiligen Jungfrau, was ihr mir soeben versprochen habt. Der Ritter lächelte im stillen über den seltsamen Einfall seines Mädchens. Aber da er sehr verliebt in sie war un d damals wohl deshalb seine Schwüre auch aufrichtig meinen mochte, tat er ihr den Willen. Während die Morgensonne den kleinen Kapellenraum durchflutete und das Bild der Mutter Gottes mit ihrem ersten Rosenschimmer schmückte, knieten die beiden vor dem Alta r. Hier hob der Ritter seine Hand zum Eide empor, daß er seine liebe Ilse einst als seine rechtmäßige Gemahlin auf die väterliche Burg führen werde. Oft waren sie noch nach dem feierlichen Akte im Walde beisammen. Dann erzählte der Ritter seiner Liebsten, daß er eine Einladung zum Turnier nach Schloß Werbellin erhalten habe, und wahrscheinlich längere Zeit fernbleiben werde. Als er dann wiederkam, war er ein anderer geworden. Des Menschen Herz ist wandelbar. Der reiche Markgraf, der damals auf Schloß Werbel lin hauste, hatte eine erwachsene Tochter. Die Väter waren befreundet und wünschten die Vermählung ihrer beiden Kinder. Doch der junge Ritter dachte voll Sorge an seinen Schwur, den er damals in unüberlegter Weise dem armen Köhlermädchen geleistet hatte. I lse merkte bald, daß ihr Geliebter verändert war. Aber in ihrem arglosen Gemüt ahnte sie zuerst die Wahrheit nicht. Da erfuhr sie in einer stillen Frühlingsnacht, als sie es nicht daheim auf ihrem Lager geduldet hatte, von ihren treuen Waldelfen den Grund, weshalb ihr vornehmer Freund jetzt so selten kam. Er geht auf Wegen, die von den deinen fortführen, Schön Ilse! Ein reiches Grafenfräulein wohnt nicht allzu fern von hier, die soll seine Ehegemahlin werden. Vorläufig quält ihn noch der Gedanke an dich und seinen Schwur. Aber nicht lange mehr wird es dauern, dann ist alles wie Spreu im Winde verflogen. Da weinte Ilse bitterlich. Als dies die Elfen sahen, wurden sie von Mitleid ergriffen: "Weine nicht, du gutes Kind. Sollte er wirklich seinen Schwur treulos vergessen, so werden wir dich rächen". Und der Ritter vergaß seinen Schwur. die vornehme reiche Dame hatte es ihm angetan. Ilse, das Köhlermädchen, war vergessen. Zuletzt kam er gar nicht mehr in den Wald, und dann drang zu der Verlassenen die Kunde, daß b ald die Hochzeit droben auf der Burg gefeiert würde, die Hochzeit des jungen Ritters mit der Markgrafentochter vom Schloß Werbellin. An einem schwülen Sommertage, als Ilse wieder allein und traurig am Walde saß, hörte sie die Glocken der kleinen Waldkapell e läuten. Und da sie den Klängen nachging, sah sie einen großen glänzenden Hochzeitszug auf dem Wege dorthin und erkannte an der Spitze des Zuges den treulosen Liebsten in seiner blitzenden Ritterrüstung, der ihr einst vor dem Altar des Waldkirchleins ewig e Treue geschworen hatte. Jetzt schritt ihm eine andere, eine vornehme, reichgeschmückte Dame, hold lächelnd zur Seite. Als Ilse dies erblickte, fuhr es wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert durch ihr armes, verratenes Herz, und besinnungslos brach sie auf dem Waldwege zusammen. Nicht lange danach entlud sich ein heftiges Gewitter über dem See. Unaufhörlich zuckten die Blitze und krachten schwere Donnerschläge. Schwarz wie die Nacht war der vor kurzem noch so leuchtende blaue Sommerhimmel geworden, und die Wellen des sonst so ruhigen Baasees begannen wild zu schäumen und zu tosen. Gerade als der Ritter mit seiner Braut vor den Altar der Waldkapelle trat, fuhr ein furchtbarer Blitz hernieder in bläulich leuchtendem Zickzack und traf zündend das kleine Got teshaus. Die Flammen schlugen zum Himmel empor, dann ein gewaltiges Donnern und Krachen, und einen Augenblick später war die Kapelle mit der ganzen großen Hochzeitsgesellschaft wie vom Erdboden weggefegt. Die Fluten des Baasees, die noch immer schäumten un d tosten wie aufgeregte Meereswellen, hatten sie in ihren Tiefen begraben. Auch Ilse, das Köhlermädchen, war verschwunden. Die Sage erzählt aber, daß sie nicht mit den anderen ertrunken sei, sondern, daß die treuen Waldelfen sie gerettet und zu ihrer König in gemacht hätten, nachdem ihr Menschenherz nun doch gebrochen war. Im Walde am Baasee könnt ihr sie in sternenklaren, stillen Sommernächten mit ihren lieblichen Gespielinnen den Reigen tanzen sehen. Ebenso läuten die Glocken der versunkenen Waldkapelle in solchen Nächten. Doch nur Sonntagskinder hören sie vom Grunde des Sees dumpf und klagend herauftönen.

Am Teufelssee bei Freienwalde

Die Herbstsonne schien mit schrägen, rötlichen Strahlen durch die hohen dunklen Kiefernwipfel, kletterte an den dicken, rissigen Stämmen herab und hüllte sie in einen leuchtenden, kupfrigen Schein.

Jetzt knackten leise ein paar trockene Zweige. Es klang, als schleiche jemand mit großer Vorsicht durch das Gebüsch. Dann brach einer die Zweige auseinander, und durch die Lücke schob sich sacht ein Mann auf den schmalen Waldpfad hinaus: Lauernd sah er sic h nach allen Seiten um. Er war groß und hager, sein bärtiges Gesicht hatte er durch schwarzen Ruß völlig unkenntlich gemacht. er trug ein einfaches Wams und kurze Lederhosen, im Gürtel steckte ein langes Jagdmesser. Nicht lange brauchte der Mann zu warten, da erschien unter den Bäumen ein prächtiger Hirsch.

Wie ein Bild aus Stein saß der Mann, an den Stamm einer Kiefer gelehnt. Langsam, ohne das geringste Geräusch, hob er den Stutzen an die Wange, zielte ruhig und drückte los. Ein kurzer Knall, ein flatterndes Rauchwölkchen - der Hirsch machte ein paar Sätze zum Seeufer hin, dann brach er zusammen, und ein roter Blutstrahl färbte das grüne Moos. Plötzlich traf der Klang einer menschlichen Stimme an des Jägers Ohr. Er fuhr auf und hob blitzschnell den Stutzen empor. Seine wild funkelnden Augen hatten die Gestal t eines jungen Mannes erspäht, der, halb verdeckt von Büschen, in nächster Nähe stand. Da gellte ein Schrei durch den stillen Wald, ein Schrei voller Schrecken und Todesangst. Im selben Augenblick ertönte auch schon der scharfe Knall der Flinte, dann war a lles wieder still.

Wie betäubt erhob sich der Junker vom Boden. Sein Blick irrte verständnislos zu dem Mann, der fassungslos auf ein junges Menschenkind blickte, das zu seinen Füßen lag. Entsetzen und Erschrecken breiteten sich über seine Züge: "Maria, du"? Er kniete neben i hr nieder und nahm ihren Kopf sanft in seine Hände. Beim Klang seiner Stimme und der zärtlichen Berührung seiner Hände schlug sie die Augen auf. Verständnislos blickte sie von einem zum anderen. Dann kam ihr plötzlich die Erinnerung, und mit angstvoller Ge bärde streckte sie die Hände nach dem Junker aus.

"Ich war dem Vater heimlich gefolgt und sah, wie er auf Euch zielte. Da warf ich mich zwischen Euch und den Vater, aber er hatte schon losgedrückt, und die Kugel, die Euch zugedacht war, traf mich. Ich trag es gern für Euch, Junker Heinrich, doch meinem Va ter verzeiht, auch ich hege keinen Groll gegen ihn"! Ihre Stimme wurde immer leiser und schwächer. Noch ein Blick voll unendlicher, heißer Liebe umfaßte den Junker, dann sank ihr Kopf mit den schweren schwarzen Flechten hintenüber.

Da zerriß heller Hifthornruf und frohes Pferdegewieher die Waldesstille. Flinke Rossehufe trappelten dumpf über den Waldboden, und durch das grüne Unterholz kam eine bunte Jagdgesellschaft auf die Lichtung am Waldsee zugeritten, voran ein alter, weißbärtig er Ritter, dessen scharfe graue Augen voll tiefer Verwunderung an der Gruppe haften blieben. "Was bedeutet das, Heinrich"? Der Junker trat zu seinem Vater und erklärte ihm mit knappen Worten den Vorfall. Des alten Ritters Antlitz überzog eine dunkle Wolke. "Du also bist es, Friedrich Billung, der seit Monaten meinem Wild nachstellt. Nun hat dich die Strafe ereilt. So schlecht also vergiltst du meine Wohltaten! Doch da dein Kind sein Leben für meinen Sohn geopfert hat, sei dir das Leben geschenkt. Aber Haus und Hof nehme ich dir. Du sollst rechtlos und heimatlos umherirren. Das Gedenken an deine Bluttat sei dir Strafe genug"!

Einen Augenblick stand Friedrich Billung gesenkten Hauptes da, regungslos. Aber keine Bitten um Gnade kam über seine Lippen. Noch einmal umfaßte sein Blick Marias leblose Gestalt, dann wandte er sich kurz um, und war in wenigen Minuten verschwunden.

Bald lagen Wald und See wieder in träumender Ruhe da. Nur die Wipfel der Bäume flüsterten geheimnisvoll, und die dunklen Wellen schlugen klagend an das sandige Ufer des Teufelssees, als weinten sie um das junge, blühende Leben, das so sinnlos geopfert wurd e.

a b o @ o d e r b e r g . i n f o
©1999-2010 Andreas Bonadt 

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