Liepe

Holde Frugge

Nachts vor dem heiligen Dreikönigstag mußte stets das Spinnrad leergesponnen sein, sonst verwirrte de hulde Frugge den Wocken und verunreinigte den Flachs der Lässigen. Auch sollte an dem Tage kein Fleisch, sondern nur Rüben gegessen werden, sonst füllte s ie den Frevelnden Steine in den Bauch und schuf andere Magenbeschwerden. Auch sonst war die holde Fee um diese Zeit allerorten sichtbar, um zu belohnen, oder zu bestrafen. Ein armer Besenbinder, der um diese Zeit die herumziehende holde Frau mit ihren klei nen Heemekins unweit des Lieper Feldes traf, half ihr, ein abgegangenes Karrenrad wieder anzubringen; er versah es mit neuen hölzernen Vorsteckern. Als Erkenntlichkeit erhielt er von der Frau mit den Worten:

Hier hast du deinen Lohn,
Nun trolle dich davon!

einige feine Holzspänchen geschenkt, die er geringschätzend fortwarf. Einer davon hatte sich jedoch in seinem Stiebelschacht verkrochen, und als er diesen abends auszieht, rollt ihm ein funkelnagelneues Goldstück entgegen. Die anderen Spänchen, die er nun aufsuchen wollte, waren aber verschwunden.

Küselwind

Zwischen Liepe und Pälitz (Pehlitz) ist es nicht richtig in den Bergen. Meine Mutter, berichtete die Erzählerin, fuhr einmal da entlang, da prusteten die Pferde plötzlich und schnaubten, und keine Gewalt konnte sie von der Stelle bringen. Plötzlich erhob s ich vor ihnen ein Küselwind. Da hat der Kutscher geflucht und gewettert, daß es entsetzlich war. Das aber half, denn mit einem Male zogen die Pferde an und liefen durch den Sand fort, daß der Kutscher sie kaum halten konnte Wenn früher die Leute ausfuhren , sagte ein anderer, dann machten sie auch gegen solch ein Teufelswerk vor dem Wagen drei Kreuze, eins vor jedem Pferd und eins vor der Deichsel.

Toter Mann

Wen der Weg einmal von Liepe aus durch den Wald über Ewalds Hügel nach dem Parsteiner See führt, der kommt auch an einem "Toten Mann" vorbei. Vor vielen Jahren soll hier einmal ein Schweinetreiber erschlagen worden sein. Früher trieb man die Schweine von O rt zu Ort und verhandelte sie an die Bauern.

Nachdem dieser Schweinetreiber seine Ware los war, setzte er sich in den Parsteiner Dorfkrug. Dabei mag er auch wohl mit dem vereinnahmten Gelde gepraßt haben, nicht aber bedenkend, daß Knechte unter dem Fenster gestanden haben, die seinen Prahlereien ein lebhaftes Interesse schenkten. Vergebens wartete seine Frau in Liepe auf seine Rückkehr. Man fand ihn am nächsten Tage erschlagen am Waldwege, bedeckt mit losen Zweigen. Wie die Lieper erzählen, soll es heute noch nicht recht geheuer an diesem Hügel sein, ganz besonders um Mitternacht. Es soll sich dann am "Toten Mann" eine Gestalt zeigen, die allabendlich wiederkommt. Einige meinen, es sei der Geist des Mörders, der im Grabe keine Ruhe finden kann. Wieder andere sagen, der Schäfer von Pehlitzwerder sei der Mordbube gewesen, und wollen wissen, daß diese nächtliche Gestalt der Geist des Schweinetreibers selber sei, der seinem Widersacher auflauere, um ihm den Vergeltungsstoß zu geben.

Schäfer Nest

Zwischen Parstein und Liepe befindet sich mitten im Walde ein dunkler, tiefer kleiner See, auf dessen Wasserfläche weder noch Seerosen wachsen und blühen. Nur das Gebüsch des Ufers spiegelt sich an sonnenhellen Tagen in der dunklen Fläche.

Einmal hütete Schäfer Nest an diesem Waldsee sein Vieh. Da kam des Weges, der zum nahen Gestall führte, ein seltsamer Mann daher. Um die Waden hatte er Katzenfelle gewickelt und sein Oberkörper stak in einer braunen Hemdbluse, die mit einer dicken Schnur z usammengehalten wurde. Auf dem Kopfe trug er eine dicke Pelzmütze mitten im Sommer ! Über den Rücken hing eine braune, zerkratzte Geige, über deren Steg nur noch drei Saiten liefen.

Als Schäfer Nest den eigenartigen Waldläufer sah, blickte er unausgesetzt auf den Kommenden. Der merkte bald, daß er vom Schäfer dauernd aufs Korn genommen wurde und murmelte unverständliche Worte in seinen Bart. Als der Fremde an den Schäfer herangekommen war, redete letzterer ihn an. Der Fremde schwieg. Mit seinen schwarzen Augen schien er den Fragesteller durchbohren zu wollen. Der aber wiederholte seine Frage, diesmal aber etwas lauter und barscher. Der Fremde ließ ihn aufs neue ohne Antwort.

Der Schäfer hob jetzt seinen Hirtenstab und rief ihm zu: Sag, wo du hier hin willst. Hier ist mein Revier. Ich darf hier keinen Fremdling dulden!

Wieder schwieg der Fremde. Jetzt riß er die braune, zerkratzte Geige von seinem Rücken und riß mit seinen braungebrannten Händen auf den drei Saiten herum, daß ein steinerweichendes Getöne entstand. Der Schäfer stutzte. Wie das der Fremde sah, machte er ku rz kehrt und lief davon. Wie angewurzelt blieb der Schäfer stehen und schaute dem Davonlaufenden nach. Dabei wurde seine Nase immer länger. Sie wuchs ihm um eine Armlänge aus dem Gesicht heraus. Da erscholl ein donnerartiges Getöse und der Schäfer Nest wa r nicht mehr zu sehen. An der Stelle aber, wo er zuvor gestanden hatte, erhob sich eine krüppelartige Kiefer, die ein Gesicht aufwies, das dem Schäfer täuschend ähnlich sah. Auch die lange Nase fehlte nicht.

Wunderblume am Lieper Damm

Wenn man früher von Niederfinow nach Liepe ging, benutzte man gern den Weg durch die Wiesen am Damm entlang. An diesem Damm, so erzählte man, soll einmal eine Wunderblume gestanden haben.

Es hat einmal einen Schiffer gegeben, der hatte Friede Sievertsberg geheißen. Als er wieder einmal mit einer Ladung Bretter unterwegs war, da hätte er am Lieper Damm anlegen müssen. Am Abend sei er dann in den Krug gegangen. Wie er um Mitternacht zu seinem Kahn zurückkehrte, sah er hoch auf der Bretterladung eine dürre, weiße Gestalt, die nach irgend etwas zu suchen schien. Er blieb am Ufer stehen und schaute unausgesetzt zu jener Gestalt hinüber. Es kam ihm vor, als ob die Gestalt sich in der Farbe wandelt e. Aus dem klaren Weiß wurde ein blasses Gelb und als er noch eine Weile zusah, bemerkte er, wie sich das Gelb in ein leuchtendes Blau verwandelte.

Mittlerweile war die Gestalt an das Steuer getreten und hatte es nach Osten umgedreht. Jetzt riß dem Schiffer die Geduld. Er faßte sich ein Herz und ließ einen gellenden Pfiff los. Im gleichen Augenblick war die Gestalt auf dem Kahn verschwunden. Zaghaft g ing der Schiffer auf seinen Kahn. Ein paarmal lief er die Ladung ab. Nichts war zu sehen. Am nächsten Morgen tastete er noch einmal den ganzen Kahn ab. Zu seinem Schrecken gewahrte er, daß der Kahn dicht über dem Wasser an der einen Stelle einen Riß hatte.

Wochen waren ins Land gegangen, seitdem der Schiffer diese Erlebnis hatte. In einer Mußestunde suchte er noch einmal jenen Ort am Damm auf, an dem ihm damals das Gespenst entgegengetreten war. Als er an die Stelle kam, stand da eine eigenartige Blume, die dauernd ihre Farbe wechselte. Ganz eigenartig war dieses Farbenspiel.

Einem Schäfer, der vorüberkam, erzählte er von seinem Erlebnis in jener Nacht und berichtete ihm dann, wie auch damals das Gespenst seine Farben gewechselt hatte in denselben Farben, wie diese Blume, die sie hier beide vor sich sehen.

Von Stunde an wurde diese seltsame Blume im Volksmund die "Schäferblume"genannt, und nur Sonntagskindern war es vergönnt sie zu sehen. Man sagt von ihr, daß sie den Geist verkörperte, der ehemals den Schiffer vor dem Untergang gerettet hätte.

Stadt bei Liepe

/siehe Oderberg/

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©1999-2010 Andreas Bonadt 

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