Oderberg

Sage vom Schloßberg

Auf dem Schloßberg in Oderberg wohnte in alter Zeit der Ritter Duba. Er hatte dauernd Streit mit den Unterirdischen (Ungererdschken), die auf dem Teufelsberg hausten. In einem Kampf wurde der Führer der Unterirdischen schwer verletzt und in den See geworfen. Nun glaubte der Ritter endlich vor seinen Feinden Ruhe zu haben. Die Zeit verging. Ritter Duba hatte eine Tochter, die gern im Oderberger See badete. Eines Tages sah sie, wie dem Wasser ein schöner Jüngling mit einer Lyra entstieg und wunderschön sang. Der Jüngling aber war der Unterirdische, den Duba in den See hatte werfen lassen. Indem er die Tochter in sein unterseeisches Schloß zog, rächte er sich an dem Ritter.

Es wird erzählt, daß ein Sonntagskind sie an einem bestimmten Sonntag, der aber niemandem bekannt ist, um Mitternacht erretten kann.

Ritter Duba und seine Familie reisten aber aus tiefer Trauer über die verlorene Tochter in die Heimat zurück.

Ritter Duba und der Kobold

Im Teufelsberge lebt ein Wesen, im Volksmund als Zwerg, Kobold, böser Geist und Teufel bezeichnet. Es muß wohl ein Monstrum an Bosheit, Verschlagenheit und Tücke gewesen sein, denn er fügte den Bewohnern und vor allem dem Besitzer des Schlosses, seinem Nachbarn, allerhand Schabernack zu, trieb losen Unfug, neckte und äffte den Schloßherrn Ritter Duba so, daß dieser dem teuflischen Kobold Fehde ansagte und ihm mit seinem Knappen eifrig nachstellte.

Nach langem, oft vergeblichem Bemühen gelang es endlich dem Ritter Duba, den Kobold zu verwunden, zu fangen und in der Oder zu ertränken. Er glaubte sich nun von dem Plagegeist befreit, hatte sich aber getäuscht.

An einem schönen warmen Sommertage wandelte Johanna, die liebliche Tochter des Ritters Duba, mit ihren Gespielinnen zum Oderstrom, um ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da erschien im Wasser ein schöner Jüngling zur Harfe singend und lockte die Jungfrau in die Flut. Der Kobold, der im Fluß die Gestalt eines Jünglings angenommen hatte, zog sie in die Tiefe.

So hatte er an dem Ritter seine Rache genommen.

Oderberger Schloßberg

In der Neujahrsnacht 1799 auf 1800 lag ein Oderkahn am Teufelsberg. Die Schiffersleute hatten nach einem Silvestertrunk sich zur Ruhe gelegt. Bald nach Mitternacht klopfte es am Fenster der Kajüte. Der Schiffer ruft, bekam aber keine Antwort. Es klopfte zum zweiten und zum dritten Male. Der Schiffer steht auf und steigt aufs Deck. Da sieht er einen schwarzen Pudel ohne Kopf am Ufer im Schnee laufen. Von dem rätselhaften Pudel kommt der Ruf, er soll ihm folgen. Dem Schiffer wird unheimlich, er weckt den Schifferknecht. Vom Ufer her vernehmen beide die Stimme. "Komm mit! Komm mit!" Sie fassen sich ein Herz und gehen an Land. Der Pudel trabt langsam vor ihnen her und immer weiter hinauf zum Schloßberg. Auf einmal sehen die beiden aus dem Inneren des Schloßberges einen Lichtschein. Ein unterirdischer Gang öffnet sich. Der Pudel deutete ihnen, sie seien am Ziel. Es gelte, eine verzauberte Prinzessin zu erlösen. Immer nur in der Nacht der Jahrhundertwende könne das geschehen. Sie sollen durch den Gang in das unterirdische Schloß gehen, durch die erste Tür, wo der Lichtschein durchdringt, eintreten und den Tisch mitten im Raum umkippen und dabei keine Furcht zeigen. So würde die Prinzessin erlöst und sie beide reiche Leute werden. Aber sie dürften von jetzt ab kein Wort miteinander sprechen.

Der Schiffer und sein Knecht begeben sich mit Herzklopfen in den Gang und treten durch die schimmernde Tür in einen weiten erleuchteten Gang. Aber, oh Schreck! Auf dem Tisch sitzt eine riesige Kröte, so groß wie ein hockender Mensch, mit feuerspeienden Augen und langen scharfen Krallen. Wer will es wagen, den Tisch anzurühren? Weder der Schiffer noch der Knecht finden den Mut, sich dem Tische zu nähern. Aber sie wollen sich auch den Reichtum nicht entgehen lassen. Der Schiffer denkt, wenn der Knecht sich bückte, das Tischbein packte und er selbst währenddessen auf das gräßliche Ungeheuer acht gebe und dann beim Umwerfen mit Hand anlegte, so würden sie es wohl schaffen.

Schnell muß gehandelt werden! Da kommt es dem Schiffer über die Lippen: „Junge, pack an und hoch mit dem Tisch!“ Da - ein gewaltiger Knall! Die beiden wissen nicht, was ihnen geschah. Plötzlich stehen sie unter dem winterlichen Sternenhimmel, draußen auf dem Schloßberge im Schnee. Die Erlösung ist ihnen nicht gelungen, denn sie hatten gesprochen. Die verzauberte Prinzessin mußte nun wieder hundert Jahre warten. Die Schiffer kehrten enttäuscht zurück.

Die Silberader

Daß unser Oderstrom ehedem immer nur die „Ader“, das heißt die Lebenbringende, oder die mit Leben durchdringende heißt, das war allgemein bekannt. Von dieser Ader, so segensreich und so silberhell sie auch unsere Mark, gleich einem Bande durchzieht, soll auch hier nicht die Rede sein, sondern von dem sogenannten „silbernen Männlein“ des Leonhard Turneißer, der war ein kunstreicher Medikus und Goldmacher des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg.

Also auf dem Schlossberge vor Oderberg, oberhalb der heutigen Kolonie Teufelsberg und des holzreichen Sees, an dessen Uferbuchtungen ehedem die alte Heer- und Landstraße sich hinzog, die nun verödet die Höhe erklimmt, da weidete vor langen, langen Jahren ein armer Junge seine Schafe. Es war ein grünes und lauschiges Plätzchen, das der Kleine sich auserkoren hatte, weit weg von allen Geräuschen der werktätigen Menschheit, so duftig, so still und so träumerisch einsam. Von einem hohem Steine, von dem er weit hinab über Bergeshang, Tal, Wasser und Wiesen bis zu den blauschwarzen Berghängen der Neumark bequeme Fernsicht zu halten vermochte, saß er, während seine kleine Herde, treu bewacht von dem Hunde, um ihn her friedlich graste. So sinnend versunken kamen zu ihm Gedanken in diese traute Einsamkeit; wo der Wald so würzig duftete und traumverloren leise seine alten Lieder rauschten, ringsum der heiße Sonnenglast des frühen Sommernachmittags.

Er gedachte der verstorbenen Großmutter, die ihm daheim am warmen Ofen, im wunderlich geschnitzten Lehnstuhl sitzend, so wunderschöne, aber ebenso grauliche Geschichten zu erzählen wußte, wenn draußen wild der Wintersturm das Häuschen umtobte und die stöbernden Schneeflocken herumwirbeln machte. An jene längst entschwundenen Zeiten mußte er unwillkürlich denken, welche die Großmutter so begeisterungsvoll geschildert hatte, und diese hatte sie gleichfalls vor Jahren von ihrer Großmutter so gehört, die sie wiederum von deren Großmutter so übernommen hatte, als noch das prächtige Schloß hier droben auf dem Berge, wo er jetzt saß, gestanden; ebenso dachte er an alle die tapferen Ritter und minnigen Edelfrauen, die hier gelebt, geliebt und gelitten hatten. So hasteten seine Gedanken.

Auch die versunkenen Schätze im Berginnern, der glutrote Wein, dessen Tonnen längst zerfallen, nun von seiner eigenen, durch langes Ablagern gebildeten Haut umschlossen lag, vergaß er nicht, und schließlich mußte er an das holdselige, weiße Fräulein denken, das als letzte ihres edlen Stammes über alle diese Herrlichkeiten als Hortbewohnerin hier zu gebieten hatte.

Nachts, aber auch an schwülen Sommernachmittagen, erschien sie gern ihren Lieblingen, den armen Menschenkindern, und beschenkte sie reichlich, sofern die Empfänger reinen und kindlich-gläubigen Herzens waren, mit Geld und Gut aus ihrem unermeßlich reichen Gabenhorte.

So träumte der Junge auf seinem moosigen Steinsitze, und unbeabsichtigt lösten sich die alten Reimsprüche und Liedverse aus seinem Innern los, sie vor sich hinraunend, wie die Großmutter es immer getan. Da! Mit einem Male tat sich lautlos vor ihm die Erde auf und heraus, wie aus einer Ader quoll und floß eine blendend weiße, glitzernde Masse, die sich am Rande der Öffnung anlegte und, einem riesenhaft großen, funkelnden Tränentropfen ähnlich, über den grünen Moosteppich ergoß. Das Bürschlein erschrak heftig, es lief angsterfüllt und wortlos davon, in die Häuser am Fuße des Berges, wo er atemlos ankam und sein Erlebnis vortrug. Die Leute sagten sogleich, daß die Masse reines Silber gewesen und, sofern er nicht furchtsam Reißaus genommen, sondern zugegriffen hätte, er ein ungeheuer reicher Mann hätte werden können. Als der Junge, mit den anderen Neuigkeiten versehen, wieder beherzt zum Berge emporstieg, da war droben alles still und einsam wie zuvor, und nichts war von der Silberschlange zu entdecken. Jahraus, jahrein, saß der arme Schafhirte wohl noch manchen langen, lieben Sommertag auf der alten Stelle und leierte unablässig, in Erwartung kommenden Silbersegens, wieder und immer wieder alle seine bekannten Sprüchlein her. Aber war es nicht die rechte Zeit und Stunde, war es nicht der rechte Spruch, oder fehlte ihm die erforderliche Andacht und Weihe, genug - die Silberader wollte ihm nicht mehr fließen. Der Ärmste hatte unwiederbringlich seine glückliche Stunde ungenutzt verstreichen lassen.

Walter der Musikant

Walter war ein armer, aber tüchtiger Musikant, gesucht und geschätzt im ganzen Choriner Klosterbezirk. Der strich seine Fidel, daß daran sein Patron St. Valentin eine wahre Freude gehabt, wenn allen Mädchen und Burschen der Takt nur so in die Beine fuhr. Er wußte auch manch traurige und ernste Volksweise so recht aus Herzensgrund zum Ausdruck zu bringen, manch schönes Lied vom Wald und seinem Rauschen, von der Liebe, Lust und Leid, und von dem stolzen, weißen Fräulein auf dem Schlossberge hausend, und vieles Andere mehr und merkwürdig. Solches traurige Zeug spielte er viel lieber, als die Tänze und Gassenhauer, so die Anderen gern mochten. Es war eben etwas mehr in ihm, als ein elender Fidelstreicher und so hätte aus ihm auch mehr werden können, wenn er nicht sein kümmerlich Brod auf Austkösten, Erntebieren, Kirmessen und anderen Tanzlustbarkeiten hätte sauer verdienen müssen.

So geschah es in einer schönen, stillen Sommernacht am zweiten Pfingstfeiertage, als der Tanz in Liepe zu Ende war, zu dem er aufgespielt hatte. Da ging Walter mit zween Kameraden heim. Als sie am Schlossberge vorüberkamen, beschlossen sie erst noch hinauf zu steigen und sich droben vom weißen Fräulein Gold und Wein zu holen, denn in diesen Nächten war sie denen, die kühn sie besuchten, gnädig und beschenkte sie gütig mit ihren Gaben. Das wußten die drei gar wohl und da sie arm, jung und kühn obendrein waren, stiegen sie mutig den Berg hinan, geraden Stegs auf die alte Burg zu, die im Mondlicht flimmernd die Schlucht herabglänzte. Je näher sie dem verfallenen Gemäuer kamen, desto furchtsamer und ängstlicher wurden die beiden Gefährten des Walter, denn die alte Ruine schimmerte ihnen so gespenstisch und unheimlich entgegen. Aus den Fensterhöhlen lugten drohend alte, bärtige Gesichter und es funkelte ab und zu wie lichter Kerzenschein. Durch die düsteren Föhren und Wacholderbüsche der Berghöhe strich seufzend und klagend der laue Nachtwind, sodaß sie geisterhaft rauschten und wisperten. Ängstlich hallten die Schritte der Wanderer in der nächtlichen Waldeinsamkeit wider und ihre Schatten zogen so sonderbar, gleich gespenstischen Begleitern neben ihnen her, daß der Mut der beiden Burschen immer geringer wurde, bis eine auftummelnde Eule mit ihren Glotzaugen sie in Furcht und Grausen den Hohlweg hinabstolpern machte. Walter, von innerem Drang getrieben, schritt allein und unerschrocken dem alten Gemäuer zu und trat furchtlos in den Hof der Burgruine ein. Aber wie geblendet stand er da, als er den ganzen Raum wie von tausend Lichtern prächtig erhellt, und ringsum in luftiger Halle reich geschmückte Ritter und Edelfrauen in altertümlicher, verschollener Tracht an reich bestellten Tischen sitzen sah. Doch faßte er sich bald wieder, zog schnell seine bescheidene Geige hervor, und spielte den seltsamen Gästen eine herzerfreuende, muntere Weise vor, sodaß alle sich nach dem fremden Spieler umschauten und ihm freundlich zunickten. Als er geendet hatte, da trat mitten aus den Gestalten das weiße Fräulein hervor, das er bis dahin nicht bemerkt hatte. Den weißen, wallenden Schleier, der sie sonst umhüllte, hatte sie zurückgeschlagen, sodaß der laue Nachtwind mit ihm spielte, und in der Hand trug sie auf silberner Platte einen herrlichen Becher voll funkelnden, duftigen Weins, während um den Becher herum es von edlen Steinen glitzerte, daß der arme Musikant sich kaum in dieses Geflimmer mit seinen Augen hineinwagte. Den Becher kredenzte sie lächelnd dem Musikanten und schaute ihn süß und sinnverwirrend an, mit ihren tiefen, dunklen Zauberaugen. Ein schönes göttliches Weib wie Walter noch keins gesehen hatte. Der aber ergriff hastig den dargebotenen Becher und trank ihn in langen, durstigen Zügen bis auf den Grund leer, dann setzte er ihn, sich tief neigend, wieder auf die silberne Platte nieder.

Da - mit einem Male ward es in ihm hell, durch seine Glieder rieselte nie gekannte Glut und Kraft und Feuer. Es war etwas in ihm erwacht, daß bis jetzt nicht in ihm gewesen war; es war ihm, als hatte er Flügel an seinem Leibe und brauche sich nur aufzuschwingen, um mittenhinein in den leuchtenden, blauen Nachthimmel zu fliegen. Auf seine Augen aber legte sich zugleich ein düsterer Schleier: Glanz, Pracht, Gestalten und Lichter um ihn herum verschwanden und zerflossen. Nur noch die wunderbaren, schönheitssiegenden Augen des weißen Fräuleins sah er und hörte um sich ein ganzes Reich von Klängen, Liedern und Melodien. Seine Sinne verwirrten sich, sein Kopf brannte ihm, ringsum drehte und schwang sich alles in rastlosem, wirren Wirbeltanze, bis er bewusstlos und betäubt nieder sank, auf den weichen, grünen Moosboden des Berges.

Als er erwachte, war es schon helllichter Tag. Die Strahlen der Morgensonne schossen rosig über die Berge und ein kühler Wind vom See her wehte erquickend um seine heiße, pochende Stirn, daß er geträumt zu haben vermeinte. Allein, neben ihm stand die silberne Schale, aus der er in vergangener Nacht so süß getrunken hatte und auf ihr lagen funkelnde Münzen als sein Spielmannssold. In ihm aber war alles ganz anders geworden; der Wald rauschte so seltsam und heimlich, wie ein alter, trauter Bekannter, sein Herz war ihm so leicht und froh und doch auch wieder so schwer und voll, daß es ihm fast zu springen drohte. Auch seine Geige hatte einen ganz anderen Ton: so zart und doch so gewaltig, so rein und voll, daß er gar nicht glauben konnte, es sei noch dasselbe schlechte Ding wie gestern. Dazu lag die schöne Ferne so goldig und lockend vor dem Erwachenden, und in seinem Herzen fühlte er über Nacht ein unbezwingbares Sehnen rege geworden, nach der weiten Welt und nach frohem, fröhlichem Schweifen und Wandern.

Da zog denn Walter nicht wieder in sein Heimattal und sein Städtchen zurück, sondern wanderte sorglos hinein in die weite Welt, und strich seine Fidel von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, so schön, daß alle ihn gern hörten. Ihm selbst aber ward es, je weiter er von der Heimat war, immer öder und leerer im Herzen, das Treiben der Menschen schien ihm schal und ekelte ihn an, alles war und blieb ihm einsam, wohin er auch wanderte. Dann sehnte er sich wieder nach seinem Heimatstädtchen, nach dem Waldesrauschen, nach den ernsten, dunklen Forsten mit den blauen Seenaugen und nach dem Berge, wo nachts das weiße Fräulein wandelt, das ihm in lieblicher Maiennacht Wein und Gold gespendet hatte und ihm nun nicht wieder aus Herz und Sinnen kommen wollte. Nur der Wein konnte sein schlimmbewegtes, sehnendes Herz zur Ruhe bringen und ihn hinwegheben über alle Erdensorge und Herzeleid. Der trug ihn auf Flügeln der Sehnsucht über Berg und Tal, über Wald und Feld. Da sah er sie wieder - und das alte Berggemäuer, den nachtstillen Wald und das herrliche Geisterweib, mit ihren tiefen, verzauberten Augen. Denn der Glanz dieser Augen stand immer vor seiner Seele, immer fühlte er sie auf sich ruhen - und konnte ihrer nicht entfliehen, selbst wenn er bis an das Ende der Welt gezogen wäre.

Ja, er fühlte es, und immer klarer ward es ihm, der Wein des Fräuleins hatte es ihm angetan. Was geheimnisvoll mächtiger Liebestrank, daß er sich verzehrend sehnte nach der Holden, die ihm in stiller Mondennacht einst den Zauberbecher kredenzt hatte und ihn nicht eher Ruhe finden ließ, bis er sich aufmachte um wieder heimzuziehen. Da wanderte er manchen lieben, langen Tag in den herrlichen Lenz hinein, bis er endlich an der Landstraße, im verglimmenden Dämmerlicht des Abends, den Bergkegel des Schlossberges herübergrüßen sah. Unverweilt stieg er zu dessen gespenstischen Höhe hinauf.

Nur noch einmal wollte er sie, die sein Herz erfüllte, sehen um die heiß ersehnte Ruhe zu finden, und eine leise Ahnung verhieß ihm Gewährung. Müde, mit klopfenden Pulsen trat er in den dämmerigen Kreis des Gemäuers ein, und obgleich er spähte und wartete, sah er sie nicht, nach der sein stürmisch wogendes und krankes Herz verlangte. Da legte er sich schließlich bekümmerten Mutes wieder in das weiche Moos und nicht lange ließ der Schlummer, den die Heimaterde dem Ruhelosen wohltätig spendete, auf sich warten.

Im gaukelnden Traum erschien ihm das weiße Fräulein; ebenso schön, wie in der Nacht, da sie ihm den Erkenntnis- und Wissenstrank gereicht hatte. Als sie des müden Schläfers gewahrte, lächelte sie still, als wollte sie sagen: „Kommst du endlich, du armer, müder Gesell, von deinem Erdenwallen mit deinem hochstrebendem Herzen? Lange warst du auf irrender Fahrt und längst habe ich dich erwartet. Nun aber ruhe aus in meinem Walde und in meinem Frieden!“ Leise trat sie zu dem Schlummernden heran, breitete segnend und Abschied nehmend ihre Hand über den armen, wegmüden Musikanten und schritt langsam, immer dem Schläfer winkend, aus dem öden Gemäuer hinaus…

Walter ist nicht wieder aus Traum und Schlummer erwacht. Früh am Morgen fanden ihn Leute am Fuße des Berges, friedlich zum ewigen Schlummer eingegangen. Er hatte endlich gefunden, wonach sein himmelstürmendes Herz ein Leben lang sich gesehnt: Ruhe und Frieden im Schoße der Heimat!

Heidenkirchhof am Plagesee

In alten Zeiten stand auf dem Schloßberge bei Oderberg eine feste Burg, deren Besitzer ein bildschönes Töchterlein sein eigen nannte, das manchen Rittersmann zu heißer Minne entflammte. Auch dem Sohne des stolzen Burgherren auf der Feste Hohenfinow hatte es die holde Maid angetan, und beide hatten sich heimlich ihrer Liebe versichert. Doch leider schien für die Liebenden das Ziel unerreichbar, da die Väter in grimmiger Fehde lagen. So beschloß denn der junge Ritter, da die Erfüllung seines Herzenswunsches auf friedlichem Wege unmöglich war, mit Gewalt das holde Burgfräulein zu erringen, und zog mit seinen kampfbewährten Knappen der Burg des Oderberger Schloßherren zu. Diesem war aber die Kunde geworden, von dem Herannahen der feindlichen Reiterschar; er legte sich mit seinen Mannen in den Hinterhalt, und als der nichtsahnende Feind nahe genug war, da stürzten die Oderberger aus ihrem Versteck hervor. In gewaltigem Ringen und heißem Kampf, Mann gegen Mann, gewannen sie die Oberhand; die ganze feindliche Schar wurde niedergemacht und an der Stätte des Kampfes begraben, die seitdem den Namen "Heidenkirchhof" führt.

Prinzessin vom Schloßberg bei Oderberg

Es war einmal eine junge schöne Prinzessin; sie war so voller Anmut und Schönheit, daß ihr Anblick alle Menschen bezauberte. Aber nicht nur die jungen Männer, die ihre leuchtenden Augen trafen, waren so ergriffen, sondern auch die jungen Mädchen, die sich ihr nahten, waren von ihrem Antlitz, ihrer Güte und Liebe hingerissen. Diese schöne Jungfrau wohnte bei ihren Eltern, den Edlen von Oderberg, auf dem Schloßberg im Walde.

Sie stieg nur selten hernieder, sonst ging sie einsam ihres Wegs. Am liebsten hielt sie sich auf dem Duwelberge auf, wo sie auf vorgetretener Spitze saß und Umschau nach allen Seiten hielt. Dort beobachtete sie gern die Fischer und Schiffer auf dem See, ihr Bewegen, Hantieren und Schaffen. Die Fischer und Schiffer aber jauchzten auf, wenn sie die Feengestalt auf der Klippe sahen, die ihnen im Glanze der Morgen oder Abendsonne so wundersam, ja überirdisch erschien, daß sie in der Jungfrau ihren Schutzgeist sahen, der ihnen Kraft zu ihren schweren Arbeiten verlieh und somit den Erfolg ihres Handelns segnete. Alle lobten und priesen, verehrten und besangen das holde Wesen. Alle freuten sich ihres Anblicks, waren gerührt von dem unvergleichlichen Zauber ihrer Erscheinung und waren ihr zugetan, mit allen Fasern ihres Seins.

Wie der Sonne wärmende Strahl,
wie der Glanz der silbernen Sterne,
grüßt die Feengestalt in das Tal.
Segen spendet weit in die Ferne.

Plötzlich erschien die Prinzessin nicht mehr auf den Klippen. Vergeblich warteten die Menschen Tage und Tage, Wochen um Wochen auf ihr Kommen. Nirgends war sie zu sehen, nirgends zu finden, nirgends eine Nachricht zu erhalten von ihr.

Da hub ein großes Klagen an, die Sonne verfinsterte sich und der Sturm stimmte mit ein, in den Klagegesang. Das Wasser war aufgeregt und schlug hohe Wellen, daß sie schäumten, auch über die Ufer wollten, als wollten sie ein Kleinod auf das Land zurückbringen. Aber es geschah nichts. Alles Hoffen auf die Wiederkehr der Prinzessin blieb vergeblich. Der See hatte seine wertvolle Beute erfaßt und dem ihn beherrschenden Strom übergeben, der sie weiterführte. Jahrhunderte hindurch murmelten die Wellen die alten Lieder der Freude, wenn sich die Klippen des Duwelberges im Wasser widerspiegeln, und die Lieder der Klage, wenn sich der Himmel verdüsterte und einen schwarzen Schatten auf den See legte. So mancher junge Fischer ist der Prinzessin in die Fluten gefolgt, ohne sie wiederzusehen. Und seitdem fordert das nasse Element einmal hier, einmal dort ein Opfer.

Der weiße Rabe

Als während des Dreißigjährigen Krieges das furchtbare Sterben in Oderberg herrschte (die Pest) und die Menschen zu Hunderten hinweggerafft wurden, da kam in die allgemeine Verzweiflung ein weißer Rabe von Norden her geflogen, der setzte sich auf diesen Berg und schrie, daß man es weithin hörte:

Ist die Krankheit noch so schnell, heilt sie doch die Pimpinell !

Mit dem Genuß der Pimpinellenwurzel wurde dann dem Sterben hier Einhalt geboten. Der Berg hieß fortan der Pimpinellenberg.

Schätze im Teufelsberg

Zwischen Liepe und Oderberg liegt der Blocksberg, der Teufelsberg und der Schloßberg. In der Schlucht zwischen beiden letzteren ist es nicht ganz richtig, dort soll oft Geld brennen. Andere sagen, es sei am Blocksberg. Dort kam einmal ein Fischer aus Niederfinow des Abends vorübergefahren, denn die von Niederfinow hatten früher die Fischerei­gerechtigkeit auf dem Lieper See, und ehe die neuen Verwallungen gemacht wurden, ging das Wasser bis in die Berge. Er hatte seinen Kahn gerade ans Land gestoßen, da kam ein Mann auf ihn zu und sagte, er solle ihm folgen, er solle sich Geld holen. Andere sagen, dies sei nicht zufällig geschehen, sondern es hätte den Fischer eine Stimme dorthin gerufen. Wie er nun von dem Kahn an dem Manne so hinaufsah, bemerkte er, daß er gerade dicht unter dem Teufelsberge angefahren sei, und es wurde ihm ängstlich ganz zumute; dennoch faßte er sich ein Herz und folgte dem Manne. Dieser führte ihn nun nach der Schlucht; da standen lauter Fässer mit Gold, davon hieß ihn der Mann eins nehmen und verschwand. Der Fischer trug sich eine Tonne in den Kahn; weil er aber habgierig war, dachte er: der Mann ist fort, hole ich mir noch eine. Wie er nun mit der zweiten nach seinem Kahne kam, war die erste fort. Weil er nun diese nicht verschmerzen wollte, machte er sich noch einmal auf den Weg und holte sich eine dritte; aber als er zum Kahn kam, war die zweite fort.

Da wurde ihm doch gar zu bange, und er machte, daß er fortkam. Wie er abstieß, saß der schwarze Mann am Ende. Der Fischer faßte sich ein Herz und ruderte, was er konnte, nach Hause. Als er dort ankam, drehte er den Kahn um, so daß die Spitze, wo der schwarze Mann saß, hinaus ins Wasser zeigte. Das tun die Fischer öfter, um sogleich wieder abstoßen zu können. „Das ist dein Glück gewesen“, sagte der Mann, „daß du mich nicht zuerst ans Land gefahren! Weil du aber so habgierig gewesen, hast du statt Gold und Silber, was in der ersten und zweiten Tonne war, in deiner jetzt nur Kupfer.“ Und so war es auch. Vom Teufelsberg, der oben sehr steil ist, sagt man übrigens, wer hinaufkomme "ungewaschen", der könne nicht wieder hinunter, bis man einen Sechser für ihn hingelegt hätte.

Schatz im Teufelsberg

Vor langer Zeit tauchte eines Tages unter dem Küchen­herd eines Böttchers in der Angermünder Straße ein kleines graues Männlein hervor und forderte den erschrockenen Meister auf, sein Werkzeug zu nehmen und ihm zu folgen. Es solle sein Schaden nicht sein. In einem Fischerkahn fuhren beide bis zum Teufelsberg. Nachdem sie ein Stück den Berg hinangestiegen waren, führte das Männlein den Böttcher durch einen im Gestrüpp verborgenen Eingang in das Innere des Berges. Hier sah der erstaunte Böttcher in einer großen Halle viele Fässer mit Gold. An einem Faß sollte der geplatzte Reifen ausgebessert werden. Nach getaner Arbeit durfte sich der Meister die Taschen mit Gold füllen. Sich den Eingang merkend, bestieg er seinen Kahn, leerte die Taschen aus, um sie noch einmal zu füllen.

Als er wieder zum Kahn kam, war das Gold darin zu Blei geworden. Ärgerlich kehrte der Böttcher wieder um und füllte sich abermals die Taschen. Und wieder fand er Blei statt Gold im Kahn. Nichts Gutes ahnend, stieß er schnell vom Ufer ab. Schwefelgestank ließ ihn aufblicken.

Dem Meister blieb fast das Herz stehen. Auf der Kahnspitze saß grinsend der Teufel. Außer sich vor Angst, ruderte der Böttcher der Stadt zu. Am Ufer drehte er plötzlich den Kahn herum, sodaß er schnell an Land springen konnte. Nun konnte ihm der Böse nichts mehr anhaben. Seitdem fahren die Oderberger stets mit dem hinteren Steven ans Ufer.

Schatz im Duwel-Doppelberg

Lange, lange Zeit war vergangen, da kam ein stattlicher Prinz aus dem Thüringer Lande gereist, der ging mit einer Wünschelrute über die Höhen, durch die Schluchten und Täler und suchte nach edlen Metallen, wie sie sich in den Bergen seiner Heimat fanden. Die Mutungen des Prinzen müssen einen Erfolg verheißen haben, denn er baute in einer Senkung des Berges eine Hütte, die gut geschützt war, und wohnte darin. Niemandem war es vergönnt, seinen Unterkunftsraum zu erspähen, oder gar sein Tun und Treiben zu beobachten. Alles, was den Prinzen umgab, blieb ein tiefes Geheimnis für die anderen Menschen, und je geheimnisvoller ihnen das Wesen des seltsamen Mannes vorkam, um so wißbegieriger wurden sie. Aber nichts konnten sie ermitteln, nichts erraten oder gar sehen. Nur die Heinzelmännchen, die des Nachts durch die Gegend pirschten, und die Graumännchen, die Tag und Nacht dort Wache hielten, schienen etwas von den Geheimnissen zu wissen. Aber sie verrieten nichts, denn das würde ein Unglück bedeuten.

Da kam eines Nachts ein junger Fischer mit seinem Kahn von Niederfinow gefahren. Er steuerte das Ufer an, weil dort ein Graumännchen stand, das dem Fischer verheißungsvolle Zeichen gab. Beide gingen die Schlucht hinauf. Der Fischer aber hatte den verborgenen Pfad, der auf den geheimnisvollen Duwelberg führte entdeckt, und sich, als das Graumännchen verschwunden war, dorthin geschlichen.

Wie erstaunt war er, als er viele, viele kleine Tonnen mit gleißendem Metalle sah, das der Prinz der Erde entnommen, hier geschürft hatte. Bestürzt sah sich der Fischer nach allen Seiten um; niemand regte sich, niemand war zu sehen. Da nahm er eine Tonne und trug sie hinunter in seinen Kahn. Erfreut über das wertvolle Metall, versuchte er einen zweiten Raub, mußte aber bei seiner Rückkehr zu seinem Erstaunen feststellen, daß die erste Tonne verschwunden war. Darauf wagte er noch einen dritten Gang zu den Schätzen. Doch als er nun mit seiner Beute in den Kahn zurückkehrte und abstieß, packte ihn das Entsetzen. Auf der vorderen Spitze seines Kahnes lugte eine teuflische Gestalt, die ihn mit großen feurigen Augen anstarrte, daß er kaum zu rudern vermochte. Doch schließlich fand er seine Kräfte wieder und beherzt, immer das zottige, teuflische Gespenst im Auge behaltend, fuhr er nach Hause. Dort angelangt, drehte er nach alter Fischergewohnheit den Kahn so, daß das Kahnhaupt, auf dem der unheimliche Geselle saß, in das Wasser ragte. „Das war dein Glück!“, hauchte ihn das Ungeheuer an, als es aus dem Kahn ging, „daß du mich nicht zuerst ans Land gebracht hast. Weil du aber habgierig gewesen bist, so sollst du statt des Goldes und Silbers, das die beiden ersten Fässer enthielten, nur Kupfer haben!“ Und so geschah es auch, denn in der Tonne, die dem Fischer verblieben war, befand sich tatsächlich nur Kupfer. Die Begegnung mit dem teuflischen Ungeheuer stand dem Fischer Zeit seines Lebens vor Augen. Immer wieder mußte er daran denken, und die anderen Leute, die es hörten, konnten es auch nicht vergessen.

Seitdem das Teufelsgespenst hier erschienen ist, heißt der Berg Teufelsberg. So ist aus dem Duwel = Doppelberg der Teufelsberg geworden.

Im Volksmunde aber heißt es bis in die jüngste Zeit, daß am Schloßberg zuweilen noch nachts die Geister umgehen, weshalb man sich niemals zur Nachtzeit dort aufhalten sollte.

Und auf dem Teufelsberg hat man zu gewissen Zeiten beim Tagesgrauen, in Mondschein- und Neujahrsnächten die Schatzgräber herumschleichen sehen, die hier das sagenhafte Goldland Ophir zu entdecken glaubten. Es sollen dort die Ungererdschen die Unterirdischen hausen, und in der Schlucht soll oft Geld brennen. Aber die Heinzelmännchen, die sich hier zuhause fühlen und sehr oft wiederkehrten, sorgen zu allen Zeiten für Ordnung. Und die Graumännchen, die es oft hierher zieht, um die Heinzelmännchen abzulösen, halten in der Schlucht Wache, damit niemand ein Leid widerfahre.

Wendenburg

Vor alter Zeit, als noch nicht das Christentum im Lande war, erhob sich auf einem Bergvorsprung, der weit ins Oderbruch hineinragte, eine alte, hohe Burg der Wenden. Starke Mauern, hoch aufgetürmt von rohen Feldsteinen, umgaben sie. Schutz gewährte auf der einen Seite die Oder, die unmittelbar am Fuß des Berges vorbeifloß, auf der anderen ein breiter Graben, den einst die Ahnen schufen. Der einzige Zugang zur Burg war eine gewaltige Zugbrücke. Ringsum rauschten hundertjährige Eichen und Eschen. Herren der Burg waren Wendenfürsten aus altem Geschlecht. In der Feste lagen ungeheure Schätze angehäuft. Von Silber und Gold glänzten und gleißten die Gemächer, Hallen und Höfe. Bekannt im ganzen Lande war die Burg durch eine ungeheuer lange Kegelbahn Hier spielten und zechten die Wendenrecken, wenn sie aus grimmigem Kampfe als Sieger heimkehrten, wenn dem Fürsten ein Nachfolger geboren war, oder den Göttern ein Festopfer dargebracht wurde. Von allen Burgen und Schlössern des Landes kamen die Herren und Grafen zusammen, zur Burg ihres Fürsten an den Ufern des alten Oderstroms. Spiel und Trunk liebten sie ja alle. Und dann ging's hoch her. Silbern war die ganze Kegelbahn; Kegel und Kugeln waren aus schwerem, reinem Golde. Die Kugeln schwangen die Helden in die Luft und schleuderten sie mit gewaltiger Kraft die silberne Bahn entlang, daß die Halle erdröhnte. Nun war es Sitte, daß die Gäste sich selbst die Kegeljungen mitbrachten.

Sie griffen, wenn sie in später Stunde fuhren, flugs einen Bauern auf, den sie am Wege trafen und schleppten ihn mit zur Burg; er mußte gute Mine zum bösen Spiel machen, sonst kostete es ihn das Leben. Er bekam in der Burg einen mächtigen Humpen Met vorgesetzt und mußte nun bis zum Morgengrauen den Recken die Kegel aufbauen. Tat er es redlich und ohne in Schlaf zu sinken, so durfte er am nächsten Morgen unbehelligt zum Heimatdorf ziehen und bekam zum Lohn eine goldene Kugel. Schlief er aber bei seiner Arbeit ein, oder sank er berauscht zu Boden, so packten ihn die stolzen Wenden und stürzten ihn von den Bergzinnen kopfüber in den brausenden Strom.

So hatten die Fürsten einstmals einen kecken Bauern aufgegriffen und zur Burg geschleppt. Er stellte ihnen auch vorsorglich die Kegel auf, doch er trank zuviel, es bestach ihn der Glanz, es wuchs ihm der Mut, schnell nahm er eine Kugel und legte sie ungesehen zur Seite, um einen Augenblick zur Flucht abzupassen. Die Fürsten gerieten beim Spiel in Streit, dem Bauern gelang es, sich fortzuschleichen.

Als die Recken nun weiterspielen wollten, da fehlte der Kegeljunge. Man rief, lärmte, fluchte, man suchte ihn, er war nirgends zu finden - er war entflohen. Einige warfen sich aufs Roß, doch sie trafen ihn nicht. Sie sannen alle auf Rache. Nicht wußten sie, wer der Bauer war, noch woher er stammte. Also machten sie einen Zauber und sprachen einen Bann über ihn aus.

Wenn er gestorben sei, und man seinen Sarg hinaustrüge, dann solle am Dorfrain der Sarg den Trägern entgleiten, die Erde solle sich öffnen und ihn verschlingen, und seine Seele solle in die Tiefen der Erde verbannt sein. Und so geschah es; das war der Wenden Rache.

Der Kegeljunge war ein Gastwirt gewesen. Seit der Zeit, wo sich dies abgespielt, lastete ein Fluch auf dem Hause; oft ist es abgebrannt, oder vom Blitz getroffen worden. Und wer als wohlhabender Mann dort einzog, ging immer als armer Wicht hinaus.

So ist's auch heute noch, das Volk erzählt's:

Unglück hat im Sold,
Ungerechtes Gold!

Pfannenstein

In dem großen Walde zwischen Oderberg und Brodowin lag ehemals ein großer Stein, der hieß der Pfannenstein. An dem trieb alle Morgen ein Hirt mit einer Herde vorüber und fand regelmäßig neun Pfennige auf dem Steine liegen. Mal aber war er krank und schickte drum einen anderen auf die Weide, der noch ein junger und übermütiger Bursche war, und sagte ihm, er solle sich auch die neun Pfennige holen. Als der nun mit der Herde an den Stein kam, sah er sich vergeblich nach dem Gelde um, und setzte sich darum mißmutig auf den Stein und verunreinigte ihn. Aber kaum hatte er sich hingesetzt, so bekam er ein paar Maulschellen von unsichtbarer Hand, daß ihm Hören und Sehen verging und er nur eilte, so schnell als möglich, fortzukommen. Seit der Zeit aber haben nie wieder neun Pfennige auf dem Stein gelegen.

Otterstein

Unter dem Otterstein, am Neuendorfer Wege bei Oderberg, soll der Otterkönig seinen Palast haben. Manche wollen den Otterkönig samt seiner goldenen Krone selbst gesehen haben. Das Krönlein könne man gewinnen, wenn zu heller Mittagssonne an gewissen Tagen ein schneeweißes Tuch beim Otterstein ausgebreitet werde, auf dem der Otterkönig sein goldenes Krönlein legen muß. Wer dann schnell zugreift und dann auch hurtig entspringen kann, bis die Neuendorfer Glocke schlägt, dem könnte es damit glücken. Ein Ritter versuchte es, er saß schon mit dem Tuch und dem Krönlein wieder zu Pferde, als der Otterkönig den Raub gewahrt und laut klagend pfiff, worauf von allen Seiten Otter wütend herbeizischten, die das Pferd und den Reiter so arg bedrängten, daß der Ritter das Krönlein fahren lassen mußte. Der Ritter ist darauf in Siechtum verfallen und bald gestorben.

Ewalds Hügel

Nordwestlich von Oderberg, auf dem Wege zum Forsthaus Breitefenn, befindet sich Ewalds Hügel. Der Sage nach soll hier ein Förster von Wilddieben erschlagen und begraben worden sein. In der Geisterstunde wollen Leute, die vorübergingen, den Hund des Försters gesehen haben, der allnächtlich in dieser Gegend seinen Herren sucht.

Knäuel des Graumännchens

Eine merkwürdige Begebenheit widerfuhr einst einer armen, alten Frau in der Nähe des Heidenkirchhofs beim Ewalds-Hügel, der unweit der Stadt Oderberg liegt. Die Frau sammelte daselbst im Spätherbst barfuß Holz und begegnet von ungefähr einem grauen Männlein, mit großem Krempenhut, der die Frostzitternde fragt, wo sie ihre Strümpfe hätte. Die Frau entschuldigt sich mit ihrer Armut, sie habe weder Strümpfe noch Garn zu solchen. Darauf gibt ihr das Graumännchen ein kleines Knäuel, mit der Mahnung, es sorgsam in ihrem Kasten vor aller Augen zu verbergen, niemals nach seinem Ende zu forschen - dann werde es mehr als ein Paar Strümpfe davon geben! Lange Jahre strickte die Frau schon von ihrem Garnknäuel, nie war das Ende des Fadens erreicht. Aber schließlich siegte doch die Neugier, der Kasten wurde geöffnet, aber da war auch der Faden mit einem Schlage zu Ende.

Maienpfuhl

Der Name Maienpfuhl stammt von einem Brezelfest, welches zu Ostern in Oderberg gefeiert wurde. Nach der Sage übten hier gütige Benediktinerinnen zu Ehren ihrer Schutzpatronin, der Jungfrau Maria, Werke christlicher Nächstenliebe und belohnten die Jugend von Oderberg am Marientage mit Fastenbrezeln, für gelernte Sprüchlein und gutes Betragen.

Büchse mit dem roten Pulver

Beim Abbrechen der Festung soll ein Maurer eine Büchse mit rotem Pulver, nebst verschiedenen, mit chinesischen Charakteren bezeichneten Blättern, gefunden haben. Weil er aber nichts davon verstanden, und beides vielleicht für Zaubersachen angesehen hatte, so verschüttete er das Pulver, und schmiß die Blätter zum Teil weg. Aus den noch übrig gebliebenen, wenigen Blättern sollen Sachverständige erkannt haben, daß, wenn sie sämtlich beisammen geblieben wären, der ganze Prozeß Gold zu machen, darin würde entdeckt worden, und das verschwundene Pulver ein wirklich Adeptisches müsse gewesen sein. Der ehemalige Küster an der Sophienkirche zu Berlin, Gericke, hat hiervon einen eigenen Tractat herausgegeben.

Untergegangene Stadt im Plagesee

War einmal ein Mann aus Liepe nach Oderberg gegangen. Und wie er in finsterer Nacht heimkehrt, kommt er vom Wege ab und gerät in die Teufelsberge. Da kommt etwas und führt ihn in eine große schöne Stadt, die er zuvor noch nie gesehen, und wie er sich an all der Pracht satt gesehen, wird er wieder hinausgeführt. Da sieht er sich verwundert um, und beim Schein des Mondes, der indes aufgegangen, erkennt er, daß er dicht vor dem großen Plagesee stehe, und hat nun wohl erraten, wo er gewesen.

Stadt bei Liepe

Zwischen den Orten Oderberg, Neuenhagen und Liepe trifft man im Eichwalde einen Überrest von Mauerwerk an, welcher von einer verwüsteten Stadt übriggeblieben sein soll. Es ist eine etwa 300 rheinländische Ruten lange Reihe, die an der östlichen Seite etwa 100 Ruten und ein doppeltes Mauerwerk hat, das etliche Ruten voneinander steht. Es ist aber alles mit Bäumen bewachsen, und an der östlichen Seite liegen einige Hügel mit Steinen besetzt, ingleichen auch Steinkreise von kleinen Steinen, in deren Mitte einer oder mehr große gelegen sind. Doch aus all diesen Steinen kann man nur wenig mehr auf die Herrlichkeit der alten Stadt schließen. Wer diese aber sehen will, der muß an einem bestimmten Tage, den ich jedoch nicht verraten kann, mittags in den Wald kommen, da wird sie sich in ihrer ganzen Schönheit vor seinem Blick entfalten.

Oderberger Drak

Gewisse Familien besitzen einen Drak, und mit ihm eine Quelle großen Wohlstandes. Der Drak muß aber wie ein kleines Kind sehr sorgfältig mit Grütze gefüttert werden, und ist auch auf Familienangehörige übertragbar. Eine alte, bereits kränkliche Frau verheiratete ihre einzige Tochter, die in der letzten Zeit während der Kränklichkeit den Drak verpflegt hatte. Als dieselbe vom mütterlichen Anwesen Abschied nahm, erhob sich im Keller ein lautes Winseln. Die Mutter sagt darauf zur Tochter: „Nimm ihn schon mit, ich bin zu alt, und es wird noch mein Tod sein, wenn ich ihn behalte.“ Darauf sagt die Tochter laut: „Na, dann will ich ihn nehmen!“ Und ein lauter Knall erfolgt, und gleich einem feurigen Besen fuhr es zur Esse hinaus, durch die Luft, in die Esse der neuen Wohnung der Tochter hinein.

Gewittermüller

Daß die Müller gemeinhin mehr können, als Mehl mahlen, das brauch ich ja nicht erst zu sagen, das weiß jeder. Aber in alten Zeiten war so ein Teufelskerl wohl im Stande, mit Schick einen richtigen Markgrafen Waldemar von Brandenburg vorzustellen, hol ihn der Teufel! Na, früher, als das dolle Stück hier passiert war, damals, als unser lieber Gott auf Erden, besonders in der Mark umherging, seinen Menschenkindern näher war, als heut, da war sogar manch Müller sozusagen für sich ein kleiner Herrgott, denn er machte sich nach seinem Wohlgefallen Krieg und Frieden, Schnee, Sonnenschein und Regen, Donner und anderes Wetter, zu bestimmten Zeiten auch leider die schlimmen Graupeln, und noch viel mehr, so wie es ihm gerade einfiel, und alles das auf seiner alten Grützmühle. Unser Grützpott zu Stolpe an der Oder ist hiervon auch ein kleiner Ableger gewesen. Und deswegen entstanden, wovon ich später noch ausführlicher erzähle. Von solcher Art, die mehr können als andere Leute, so einer, dem es nicht anzusehen ist, wohnte zu Olims Zeiten auf der alten Oderberger Wassermühle, vor dem Berliner Tor. Dieser Gewisse hatte mal seinen Streit mit einem Stolzenhagener Bauern, was noch glimpflich für diesen abging. Der Bauer aus Stolzenhagen, das Dorf liegt anderthalb Meilen von Oderberg oderabwärts, kam mit einer Fuhre Erbsen nach Hause gefahren, als ihm ein Küselwind dabei begegnet, die Pferde scheuen und schaudern. „Halt, brr! Bleibt stehen!“, ruft er. Und die Pferde stehen still. Er zieht sein Klappmesser, und aus eitel Dämlichkeit und Übermut wirft nun unser Bauer das aufgeschlagene Messer genau mit der Spitze von diesem, mitten zwischen den Windküsel hinein, der an Mannshöhe auch gleich zusammensank. Als nun der Teufelskerl von seiner Wagenpritsche herunterkletterte, um das Messer aufzulangen, war es nirgends zu finden; sosehr er auch danach suchte, es blieb verschwunden. Damit soll es aber noch ganz anders kommen, wonach derselbe Bauer eine Fuhre Weizen nach der Oderberger Mühle zu bringen hatte, wohin damals die Dörfer noch Mahlzwangpflichtig waren. Als nun unser Bauer abgeladen hatte, wobei er sich ein bißchen abgerackert und abgeäschert hatte, ging er in die Stube, um sich eine kleine Aufmunterung zu holen. Da kam ihm der sonst stattliche Wassermüller entgegengehinkt, was er vorher noch nie getan, und es ließ ihn sprachlos, wie von Süchten. Der Bauer wunderte sich stark darüber, aber gleich darauf noch mehr, als er auf einen Blick seines verlorenen, viel gesuchten Messers gewahr wurde, das bei dem Müller auf dem Fensterbord liegt. Er sagte nichts, und der Müller sagte auch nichts. Dieser schilt daraufhin den verdutzten Bauern scharf an, gibt ihm das Messer hin, und sagt nun sehr eindringlich zu ihm:

Hüte dich, mir nochmals in die Beine zu treffen.
Diesmal soll's bei den alten Löchern bleiben;
das sollst du dir hinter die Ohren schreiben:
Beim Küselwind laß das Messer stecken,
sonst muß ich dir den Hals brechen!

Darauf hatte es dann der ängstlich gewordene Bauer nicht ankommen lassen.

Der Küselwind

Es war einmal vor vielen Jahren,
im Sommer auf dem Krähenberg,
als Ähren reif in Schwaden lagen,
begann dies böse Narrenwerk.

Ein Küselwind, der spielte prächtig
mit diesen Ähren hin und her,
hob sie hoch und warf sie mächtig
durch die Gegend, kreuz und quer.

Oft im Bullerjorn und Rehne,
im Ort und rings um Krähenberg,
sah stieben man - auch mit Gehäme -
dies räuberische Teufelswerk.

Wenn wieder mal der Wind mit Schärfe,
so lautet eine alte Mär,
soll man hinein ein Messer werfen,
der Küselwind gebändigt wär.

Gesagt, getan, so wie's geschah,
der Küselwind sein Unheil trieb.
Ein Bauernsohn, der g'rade da,
dacht, „jetzt fasse ich den Dieb."

Er rannte los, dem Dieb entgegen,
das off´ne Messer in der Hand.
Er warf es ab, im hohen Bogen,
wo es im Küselwind verschwand.

Ihm war, als tönte laut ein Aufschrei.
Als er der Stelle nah gekommen,
er sucht und machte alles strohfrei,
das Messer ward wie weggenommen.

Die Zeit verflog, es wurde Winter,
und wie's so üblich ging's derweil
nach Oderberg zum Markt hinunter,
wo Bauern boten Waren feil.

Der Bauernsohn aus Stolzenhagen
bot dort auch seine Waren an.
Ein Bäcker schaut auf seinen Wagen,
wo viele Säck mit Weizen war'n.

„Die köpe ick", sprach Bäckersmann
und zeigte auf den Weizen,
„bräng mie na Hus de Wohre dann,
ick müt dän Bäckahm heizen."

Der Bauernsohn, vom Handeln reicher,
trug dem Bäcker also nun
die Säck mit Weizen auf den Speicher,
wie es üblich war zu tun.

Als die Arbeit ward getan,
wie gefüllt des Bäckers Trog,
gab es frei ein Essen dann,
wo gescheh'n der Dialog:

„Kennst Du dät Messer hier mien Jonn?"
Warf's zum Essen auf den Tisch.
Es erschrak der Bauernsohn,
und sagte bleich „gewiß, gewiß..."

„So mag's für diesmal noch hingehen,
sag es dir zur Mahnung nun,
laß' dies nimmermehr geschehen,
dieses noch einmal zutun."

Dem Bauernsohn, ihm wurde klar
was auf dem Krähenberg gescheh'n,
wie hinkend er den Bäcker sah,
so voller Zorn von dannen geh'n.

Des Küsels Scherze sind verschwunden,
der Wind ist oftmals noch zu seh'n
wenn er versucht so unumwunden,
mit Ähren des Getreides weh'n.

Und grummelt es im Bullerjorn,
so denkt man dann in seinem Sinn,
„ -gefangen ist der Küselwind -,
der Bäcker schimpft, er sitzt dadrin."

 

 

a b o @ o d e r b e r g . i n f o
©1999-2010 Andreas Bonadt 

Webseitenzaehler

Spenden